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Welche Art von Depolarisierung brauchen, oder wollen wir eigentlich?
Polarisierung gilt derzeit als eines der größten Probleme öffentlicher Debatten. Häufig wird dabei implizit angenommen, dass weniger Polarisierung automatisch besser für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt sei. Doch diese Annahme greift zu kurz. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welche Art von Depolarisierung ist überhaupt wünschenswert – und in welchem Kontext?
In unserem neuen Artikel „What Kind of Depolarization Should We Aim For? Making Communication Transformative“ (Political Communication) argumentieren wir, dass viele Debatten über Polarisierung normativ unterbestimmt bleiben. Nicht jede Form von Konflikt ist demokratisch problematisch – und nicht jede Form von Konsens hilft Gesellschaften, mit tiefgreifenden sozialen und ökologischen Krisen umzugehen.
Aufbauend auf deliberativer und agonistischer Demokratietheorie schlagen wir Democratic Transformative Communication als normativen Bezugsrahmen vor. Aus dieser Perspektive geht es nicht um lauwarme Kompromisse oder eine Entschärfung öffentlicher Debatten um jeden Preis. Ziel sind vielmehr konstruktive Kontroversen, die gesellschaftliche Lern- und Transformationsprozesse ermöglichen. Ideologische Polarisierung kann dabei legitim und sogar notwendig sein – insbesondere dann, wenn sie reale Ungleichheiten, Machtverhältnisse oder ökologische Krisen adressiert. Problematisch wird Polarisierung dort, wo sie demokratisches Zuhören untergräbt, Fronten verhärtet oder vor allem reaktive Gegenmobilisierung erzeugt.
Ein zentraler Punkt des Artikels ist zudem die Neubestimmung dessen, was als „Mitte“ oder „Moderation“ gilt. Moderation bedeutet nicht Zentrierung oder Konfliktvermeidung, sondern Offenheit für unterschiedliche Perspektiven, Respekt im Umgang mit Gegner:innen und die Bereitschaft, sich argumentativ auf Auseinandersetzungen einzulassen.
Statt pauschal nach weniger Polarisierung zu rufen, plädieren wir daher für eine differenziertere Frage: Trägt Kommunikation dazu bei, Demokratie, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zu stärken – oder steht sie gesellschaftlicher Transformation im Weg?
Brüggemann, M., van Eck, C. W., Gelovani, S., Meyer, H., Muddiman, A., Pröschel, L., & Wessler, H. (2026). What Kind of Depolarization Should We Aim For? Making Communication Transformative. Political Communication, 1–8. https://doi.org/10.1080/10584609.2026.2617224





